Was Schlittenhunde im Sommer tun - Canicross & Co.

Silvia Roppelt

Veröffentlicht in der HUNDEREVUE Ausgabe 07/2006
in der Rubrik "Beschäftigung"



 „Bikejöring“

„Goooooooooo, Bon Jovi und Balto“ tönt es im Coburger Wald. Die beiden Siberian Huskies „Bon Jovi of Frankonia Power“ und „Griebel’s Balto“ werfen sich auf diesen Befehl von Falk-Rüdiger Clemens begeistert in ihr Zuggeschirr und galoppieren los. Weit und breit ist allerdings kein Schnee zu sehen, erst recht kein Schlitten, wie man vielleicht in diesem Zusammenhang erwarten würde - nur ein frühlingshafter Wald, morgendlich kühl, und hinter den beiden Hunden ein Mann auf einem Mountainbike.

 „Bikejöring“ nennt sich diese Art von Hundesport, der keinesfalls nur für klassische Schlittenhunde prädestiniert ist.

„Bon Jovi“ und „Balto“ tragen ein spezielles Laufgeschirr, das für eine optimale Verteilung der Zuglast sorgt. Um eine freie Atmung zu gewährleisten, darf weder Hals noch Brustkorb eingeschnürt werden; die Schulterblätter der Hunde müssen frei beweglich sein. Durch die Anordnung des passgenauen Laufgeschirrs wird der Zug von der sogenannten Tugschlaufe auf Höhe der Schwanzwurzel so übertragen, dass die Last überwiegend auf dem Brustbein des Hundes ruht und so für Bewegungsfreiheit sorgt. In der Tugschlaufe am Ende des Geschirrs sind die Karabiner der Zugleine gehakt, die die Hunde mit dem Fahrrad verbinden. So entsteht ein Gespann, mit dem nach den gleichen Prinzipien wie vor einem Schlitten oder einer Pulka gearbeitet werden kann.

Falk-Rüdiger tritt in die Pedale. Da nordische Hunde bei Temperaturen über 15 Grad Celsius keinesfalls derartige Zugarbeit leisten oder schnell rennen sollen, nutzt Falk- Rüdiger meist die Morgenstunden zum Training. 14 Kilometer werden die drei jetzt absolvieren, wobei Bon Jovi und Balto alleine den verbalen Kommandos von Falk- Rüdiger folgen: Gee“ für rechts und „Haw“ für links. Falk- Rüdiger hat bei Geschwindigkeiten von rund 28 km/h vom Fahrrad aus keine andere Möglichkeit, die Hunde zu steuern. Er muss sich hundertprozentig darauf verlassen können, dass sie seinen Kommandos folgen – alles andere wäre äußerst gefährlich. „Eine solide Gehorsamsausbildung der Hunde ist eine absolute Notwendigkeit“, weiß er. „Das wird leider häufig von Leuten unterschätzt, die mit diesem Sport anfangen. Es ist gerade nicht damit getan, einem Hund einfach nur ein Geschirr anzuziehen und ihn vor ein Fahrrad zu hängen.“ Folge solchen Leichtsinns sind oft genug Knochenbrüche als Folge schwerer Stürze, weil Eigen- initiativen eines eingespannten Hundes durch den Fahrer meist nicht kompensiert werden können. „Die Hunde müssen nicht nur auf Kommando loslaufen und die Rich- tungskommandos beherrschen. Sie müssen vor allem auch in jeder Situation auf Kommando anhalten“ erläutert Falk- Rüdiger. „Wichtig ist auch, dass die Hunde durchgängig laufen. Eigenmächtige Pausen zur Reviermarkierung darf es ebenso wenig geben wie eigenmächtige Schlenker vom Weg in den Wald hinein, wenn ein Kaninchen gesichtet wird.“

Für Falk-Rüdiger und seine Siberian Huskies ist diese Art von Training eine Vorbereitung auf die Wintersaison, in der sie mit Ski und Pulka unterwegs sind. Aber es handelt sich hierbei keinesfalls um eine Sommerbeschäftigung nur für Schlittenhunde! „Bikejöring ist ein Sport, den man mit jedem lauffreudigen Hund betreiben kann“, erklärt Falk-Rüdiger, der selber im Sommer täglich die 11 km zur Arbeit und zurück mit dem Fahrrad bewältigt.
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Die Vorteile des Bikejöring liegen auf der Hand: angeleint verschafft mensch seinem Hund eine ausdauernde, schnelle Bewegung, wie sie neben dem Fahrrad nicht möglich wäre. Im Unterschied zum freilaufenden Hund bilden beim Bikejöring Mensch und Hund (möglich sind ein oder zwei Hunde vor dem Fahrrad) ein Team und betätigen sich gemeinschaftlich.Der Hund erfüllt eine Aufgabe, die ihm Spaß macht und ihn auslastet. Wichtig ist natürlich, dass die Hunde nicht überfordert werden und die Lust am gemeinsamen Hobby verlieren. Hierfür sorgt Falk-Rüdiger durch wechselnde Trainingsstrecken und ein sorgsames Aufbau- und Konditionstraining. Das Training hat er mit kurzen Trainingseinheiten von circa 4 km begonnen und langsam und kontinuierlich bis zur gewünschten Länge von jetzt 14 km ausgebaut.

Nachdem die drei ihre Trainingsrunde beendet haben, werden Bon Jovi und Balto ausgiebig gestreichelt, verwöhnt und mit einem Stück Rinderleber belohnt. Außerdem gibt es einen Liter Fleischsuppe, um den Wasserverlust auszu- gleichen. Wie auch bei menschlichen Sportlern müssen Ernährung und Wasserhaushalt der vierbeinigen Sportler den jeweiligen Leistungen angepasst werden. Falk-Rüdiger hat seinen Hunden bereits circa 2 Stunden vor Trainings- beginn eineinhalb Liter warme Fleischsuppe spendiert, damit der Körper genug Wasser zum Schwitzen zur Ver- fügung hat. Kurz vor dem Lauf gab es noch eine kleine Menge klares Wasser. Ungefähr 2 Stunden nach dem Training werden Bon Jovi und Balto ihre Tagesration Futter bekommen, ein für ihre Bedürfnisse ausgelegtes hoch- wertiges Hochleistungsfertigfutter. Auch hier ist auf den Wasserhaushalt zu achten:
Ernährungsspezialisten empfehlen eine Sättigung des Trockenfutters mit 100% Wasser. Füttert man das Trocken- futter und Wasser separat, verlässt das Wasser den Magen- Darm-Trakt schneller und der Hund neigt zur Dehydrierung.

Statt mit einem Fahrrad lässt sich der geschilderte Sport auch mit einem Roller, auch Scooter oder Sidewalker ge- nannt, ausüben. Die Wahl des Trainingsgeräts erfolgt nach persönlichen Vorlieben und hat hauptsächlich für den Fahrer Konsequenzen: während er beim Fahrrad durch Treten der Pedale seine Hunde unterstützen kann, stößt er sich beim Roller jeweils mit einem Fuß vom Boden ab und kann so für eine beschleunigte Fortbewegung sorgen. 

 


Foto:
Falk-Rüdiger Clemens mit Bon-Jovi und Balto am Start bei den "Frankonia Open 2005"

(Rennveranstalter www.fssc.de)
 
 
„Canicross“



Foto: Malte Stodt beim Canicross

Das Foto wurde freundlicherweise zur Verfügung gestellt von
Karl-Heinz Raubuch
www.schlittenhund.de


Für jemanden, der lieber selber läuft statt radelt, bietet Canicross eine hervorragende Alternative. Auch hier geht es um gemeinsamen Sport von Mensch und Hund in einem durch eine Zugleine verbundenen Team. Malte Stodt und sein Siberian Husky „Alka-Shan’s Kolyma-Kick“, kurz „Mr. Pepper“, haben vor einigen Jahren mit Canicross begonnen. Mr. Pepper, dem man seine nunmehr 13 Jahre weder ansieht noch anmerkt, trägt dabei wie Bon Jovi und Balto ein spezielles Zuggeschirr und ist mit einer etwa 2 Meter lange Leine an Maltes Bauchgurt (auch „Joggergurt“ genannt) befestigt. Bei dem Bauch- oder Joggergurt, der entgegen seinem Namen aus ergonomischen Gründen in Höhe der Hüften getragen werden sollte, handelt es sich um einen breiten Gürtel aus Cordura oder vergleichbaren Materialien, in die eine Schaumstoffpolsterung eingenäht ist. Die Zugkraft, die der vorweg laufende Hund aufbaut, wird über diesen Bauchgurt ohne Einschneiden auf den Menschen übertragen, dieser also von seinem Hund gezogen.

„Für den Menschen ist diese Art der Fortbewegung ganz schön anspruchsvoll und anstrengend“, keucht Malte, dem nach 10 Kilometern hinter „Mr. Pepper“ das Haar verschwitzt in die Stirn fällt. Mit einem Grinsen fügt er hinzu: „Anfangs war ich wirklich erstaunt, an welchen Stellen man selbst als geübter Läufer doch noch Muskelkater bekommen kann!“ Und ein geübter Läufer ist der 30jährige, auf dessen Programm mehrmals wöchentlich Lauftraining und Fahrradfahren ohne Hund steht, um Ausdauer und Muskelkraft für die Läufe mit „Mr. Pepper“ aufzubauen. „Bergauf ist es natürlich äußerst angenehm, von seinem Vierbeiner unterstützt zu werden“, erklärt Malte. „Aber bergab und auf geraden Strecken muss man gegen den Zug des Hundes arbeiten. Und das ist eine völlig andere Belastung für Muskeln und Gelenke als beim normalen Joggen.“
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Einen Nordischen wie „Mr. Pepper“ kann man aufgrund der für einen Hund doch verhältnismäßig geringen Geschwin- digkeit joggend am Bauchgurt auch bei Tempe- raturen über 15 Grad bewegen. Die Dauer und Länge der Trainings- einheiten richten sich dabei natürlich nach der Konstitution des Hundes, der tatsächlichen Temperatur und der Luft- feuchtigkeit. Auch beim Canicross ist auf eine optimale Ernährung des Hundes und vor allem den Wasserhaushalt zu achten. Malte, der je nach Wetterlage, Lust und Laune zwischen 5 und 10 km mit „Mr. Pepper“ läuft, hat deswegen immer frisches Wasser dabei.

Canicross ist mit ein bis zwei Hunden möglich, wobei die Belastung für den Menschen natürlich mit der Anzahl der Hunde wächst. Aufgrund der geringeren Geschwindigkeit und der besseren Möglichkeiten, auf den Hund einzuwirken, bietet sich Canicross auch als Ausbildung des Hundes für späteres Bikejöring an. Die Zugkraft eines Hundes sollte man dennoch keinesfalls unterschätzen! „Bei meinem allerersten Lauf mit „Mr. Pepper“ war mein einziger Gedanke: bloß nicht stolpern“, erinnert sich Malte. Mittlerweile sind die beiden ein eingespieltes und vor allem schnelles Team, wie sie schon bei einigen Wettkämpfen bewiesen haben, nicht zuletzt mit ihrem 1. Platz bei den Frankonia Open 2004 in Mittelfranken. Für 2x 5 km benötigten Malte und „Mr. Pepper“ eine Gesamtzeit von nur 38:24 Minuten.

Wettkämpfe und Wissenswertes


Auch wenn sowohl Bikejöring als auch Canicross gerne von Schlittenhundesportlern während der schneefreien Saison genutzt werden, sind beide Sportarten für jeden Hund geeignet.
Besonders Canicross wird zunehmend in Deutschland von Vereinen angeboten, deren wenigste Mitglieder nordische Hunde haben.

Beide Sportarten stammen ursprünglich aus dem französischsprachigen Raum, wo schon in den 80er Jahren die ersten Canicrossveranstaltungen stattfanden. Teil- nehmen können bei diesen Veranstaltungen unabhängig von Größe und Gewicht sowohl Mischlinge als auch Rasse- hunde. Vorgeschrieben ist lediglich, dass sich der Hund sich immer vor dem Läufer befinden muss. Je nach Veran- staltung werden Einzelzeitläufe oder auch Massenstarts angeboten. Die Canicross-Kategorien sind unterteilt nach Damen, Herren und Kindern (10-13 Jahre).

Beim Bikejöring startet der Teilnehmer mit einem Mountainbike, an dem der Hund mit einer 2,50 Meter langen Leine und einem Ruckdämpfer am Zuggeschirr befestigt ist. Auch hier muss der Hund immer vor dem Fahrrad sein. Eingesetzt werden dürfen jedoch nur Hunde, die gesund- heitlich und körperlich die Voraussetzungen erfüllen (z. B. Stockmaß über 45 cm).  Die Kategorien sind nach Damen und Herren unterteilt; Kinder über vierzehn Jahren starten unter Voraussetzung des schriftlichen Einverständnisses ihrer Eltern in der jeweiligen Kategorie ihres Geschlechts. Die Wettkampfstreckenlängen betragen bei beiden Sport- arten zwischen vier und sechs Kilometer.

Als erste deutsche Großveranstaltung werden am 23.-24. September 2006 die ersten Internationale Deutsche Meister- schaften und EM Qualifikation für die Europameisterschaft in Nancy stattfinden. Veranstaltungsort ist die 15. Messe „Hund +Sport“ in Völklingen. Rund um die Hermann Neuberger Halle steht ein wunderschöner Rundkurs von vier Kilometer zur Verfügung.

Nützliche Links
www.huskyclub.de    -   Siberian Huskies
www.cbvd.de   -    Canicross-Verband Deutschland
www.canicross.com   -  Canicross
www.laufen-aktuell.de  -  Laufen
www.schlittenhund.de  -  Magazin für Schlittenhunde und Canicross