Ein Siberian Husky aus dem Süden
Das Leben und Leiden von Ozzy – stellvertretend für viele Andere

von Danielle Schulze
www.canifanto.de

   Wer kennt sie nicht, die Vermittlungsanzeigen von Nordischen Hunden aus dem Süden, insbesondere aus Spanien. Der Markt dort floriert, der Siberian Husky wird als Modehund gesehen und die Hunde sind gefragt wie nie. Sie werden bei Züchtern, Händlern oder auch im Supermarkt in Glaskästen angeboten. Für kleine Kinder das etwas andere Geschenk zu besonderen Anlässen, weil die Welpen ja richtig knuffig sind und oben drein auch noch blaue Augen haben.

Doch was passiert, wenn die Welpen größer geworden sind und man mit dem ausgewachsenen Hund nicht mehr zurecht kommt – sie werden ausgesetzt oder im besten Fall noch in einem der vielen Tierschutzorganisationen im Süden abgegeben.

Von da nimmt die Sache ihren lauf – die Hunde kommen in die Vermittlung!

Die Beschreibungen gehen von sehr lieb, über gut soziali- siert bis hin zu kerngesund und die Interessenten werden regelrecht mit salbungsvollen Worten geködert.

Auf genau so eine Beschreibung bin ich regelrecht herein- gefallen. Vorher muss ich noch erwähnen, dass Ozzy nicht unser erster Husky aus einer der vielen Auffangstationen in Spanien war, sondern einer von sieben armen Kreaturen, denen wir hier ein Heim für immer oder zur Pflege gegeben haben. Alle meine Spanier waren nicht gesund, als sie hier ankamen, weder physisch noch psychisch. Bei den meisten habe ich das physische wieder schnell in den Griff bekommen, doch die psychischen Probleme, die diese Hunde davon getragen haben, werden nie vergehen. Sie können gedämpft, aber nie ausgelöscht werden.

Die Geschichte von Ozzy steht für viele andere Hunde, die aus Spanien total verwahrlost hier angekommen sind und deren Ende schon fast immer voraus zu sehen ist. Er wurde uns als gesund, gechipt und kastriert offeriert – nichts davon stimmte, wie sich bei näherer Untersuchung herausstellte. Der Hund war in einem desolaten Zustand, als ich ihn auf dem Flughafen Nürnberg in Empfang nahm und aus der Flugbox holte. Ein Häufchen Elend kam heraus und wie schon so oft, er eroberte in Sekundenschnelle mein Herz. Die ersten Minuten auf deutschem Boden müssen für ihn schrecklich gewesen sein. Noch benommen von seinen Beruhigungsmitteln tastete er sich mit mir langsam aus der Ankunftshalle zu einem Stück Wiese vor dem Flughafen, wo er sein erstes Geschäft nach dem Flug verrichten konnte. Als ich ihn dann ins Auto heben wollte, sprang er hinein, als ob er schon ewig mit mir und der fremden Umgebung vertraut war. Die anschließende Heimfahrt war noch ungewöhnlicher – er legte von hinten den Kopf auf meine Schulter und blieb die ganze Strecke in der gleichen Position, als wenn er sagen wollte „jetzt bin ich endlich zu Hause angekommen“.

Ich glaube, ich brauche nicht zu erwähnen, dass für mich ab diesem Moment klar war – der bleibt!

Zu Hause angekommen ließen wir ihm erst mal ein paar Tage Zeit, damit er sich aklimatisieren konnte und dann begann ich ihn eingehender zu untersuchen. Seine Zähne zeigten deutlichen Zahnsteinbefall auf und was noch viel schlimmer war, ihm wurden die unteren und oberen Schneidezähne abgeschliffen, so dass er Probleme mit dem fressen von Knochen oder ähnlichem Kaumaterial hatte. Sein Fell war stumpf und die Knochen standen ihm heraus, ein Aspekt, den ich schon öfters bei diesen Hunden erlebt habe und durch gutes Futter in kurzer Zeit immer geregelt bekam. Doch bei Ozzy ging es langsam, zu langsam für meine Begriffe und da traten auch schon die ersten gesundheitlichen Probleme auf. Durch den Aufenthalt in dem Tierheim hatten sich seine Muskeln zurückgebildet und auch die Wirbelsäule hatte somit keinen Halt mehr. Ihm sprangen sieben Wirbel heraus und wurden von meinem Tierarzt wieder fachmännisch eingerenkt. Nach Einnahme von Medikamenten und der Nachuntersuchung wurde er als gesund befunden und ich konnte mit dem Aufpäppeln weiter machen. Bis zum Winter letzten Jahres entwickelte er sich gut, doch dann traten vermehrt Magen- und Darmprobleme auf und Ende Januar ließ ich ihn röntgen und die Diagnose war alles andere als gut – er hatte einen Fremdkörper im Dünndarm, der sich auf normalen Wege nicht beseitigen ließ. Ozzy musste operiert werden. Ihm wurden 12 cm Dünndarm mit samt des Fremdkörpers entfernt. Wie sich herausstellte, hatte er diesen Fremdkörper bereits seit Spanien intus und erst hier ist er vom Magen in den Dünndarm gewandert, wo er sich festsetzte.
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Ein weiteres Mal bangten wir um sein Leben, doch Ozzy war ein echter Kämpfer und er überstand die OP und die anschließende Behandlung sehr gut – dachten wir zumindest. Er blühte regelrecht auf, spielte wieder und nahm am Rudelleben teil. Bis zum 7. Mai diesen Jahres – er fing an, sich zurück zu ziehen, war desinteressiert, aber er fraß noch. Gleich am Montag, den 9. Mai ging ich mit ihm zum Tierarzt um ein großes Blutbild erstellen zu lassen. Als am Dienstag, den 10. Mai die Ergebnisse endlich da waren, waren wir noch alle sehr zuversichtlich, da alle Blutwerte bis auf die Leukozyten vollkommen normal waren. Am Mittwoch, den 11. Mai stellte ich eine Vergrößerung der Hoden fest und wir glaubten an eine Orchitis, durch die sich die erhöhten Leukozyten erklären ließen. Er bekam Medikamente und für Donnerstag, den 12. Mai wurde wieder ein Termin beim Tierarzt vereinbart. Bei näherer Untersuchung der Hoden wurde festgestellt, dass es sich um keine Entzündung handelte, sondern um ein Ödem, dass im laufe des Tages noch größer werden sollte. Wir haben ihn geröntgt und sahen das Unfassbare – die Leber und die Milz waren derart vergrössert, dass wir vor einem Rätsel standen. Noch bei der Darm-OP Anfang des Jahres, waren alle Organe normal und auch die Nachuntersuchung zeigte keinerlei Symptome auf eine weiterführende Erkrankung. Wir beschlossen, ihn noch mal zu operieren und ihn damit zu retten. Zwei Tierärzte waren anwesend, das gesamte Praxisteam war zur Unterstützung da und in mir kam die unheilvolle Vermutung auf, dass ich Ozzy nicht mehr mit nach Hause nehmen würde. Dies wurde bestätigt, als sein Bauchraum geöffnet wurde und ein Verwesungsgeruch den OP erfüllte, dass einem regelrecht übel davon wurde. Durch seine erste OP haben sich trotz strikter Antibiotikabehandlung, Krebszellen freigesetzt, die ihn von ihnen regelrecht zerfressen haben. Seine Milz, die Leber, die Harnleiter – alles war kaputt. Das alles geschah innerhalb von fünf Tagen! Ozzy schlief am 12. Mai 2005 um 21.00 Uhr ein und ging seinen letzten Weg über die Regenbogenbrücke.

Unsere Trauer über seinen Verlust sitzt sehr tief und deshalb auch dieser Artikel über ihn.

Gleichermaßen soll das auch als Warnung gelten, für all diejenigen, die es in Betracht ziehen einem Hund aus Spanien ein neues Leben zu ermöglichen. Dieser Bericht über seinen Krankheitsverlauf ist nur ein Beispiel von vielen und ich habe es in den letzten Monaten leider zu oft erleben müssen, dass Hunde aus Spanien schwer erkrankt oder gestorben sind und ihren Besitzern dadurch ein uner- messliches Leid zugefügt wurde.

Nicht zuletzt durch Krankheiten wie Leishmaniose, Filaria, Ehrlichiose, Babesiose und Borreliose. Viele Tierärzte warnen davor, dass Hunde mit diesen Krankheiten nicht nach Deutschland eingeführt werden sollen. Und zu recht! Die meisten Tierärzte sind mit einer Krankheit, wie sie Leishmaniose darstellt hoffnungslos überfordert. Schon alleine die Methoden der Tierschutzorganisationen, die durch auf die Tränendrüsen drückende Beschreibungen der Hunde, eine weitere Vermittlung zulassen, sind in meinen Augen unzumutbar. Bei vielen Mitarbeitern ist ein deutlicher Realitätsverlust zu spüren, gerade wenn es um die sogenannten Notfälle geht und sie sind froh, wenn wieder einer ihrer Schützlinge ihre Station verlässt. Doch zu welchem Preis? Dem Hund ist damit mit Sicherheit in der ersten Zeit geholfen, aber wie lange.

Durch neueste Erkenntnisse haben sich Insekten wie die Sandfliege (Überträger der Leishmaniose) und auch die Buntzecke (Überträger der Babesiose) ihren Weg nach Deutschland gebahnt. Ob das mit der vermehrten Einfuhr von Hunden aus dem Süden oder der stetig zunehmenden Klimaveränderung zusammenhängt, ist noch nicht deutlich genug erforscht worden. Doch schon alleine dadurch sollte man hellhörig werden und sich fragen, wie sinnvoll es wirklich ist einem Hund aus dem Süden hier ein neues Zuhause zu bieten. Wenn es zum Schluß auch hart klingen mag, manchem Hund wäre mehr damit geholfen, wenn er dort unten human eingeschläfert werden würde oder mehr finanzielle Unterstützung für die Organisationen im Süden geleistet würde, als die Tiere im Schnellverfahren nach Deutschland zu verfrachten.

Danielle Schulze