Rasseportrait Siberian Husky

Silvia Roppelt und Nicole Perfeller

 

( veröffentlicht in der Zeitschrift "DER HUND" 2007)


Der charismatische und ursprüngliche Siberian Husky ist für die meisten Menschen der Inbegriff des Schlittenhundes. Als solcher lässt sich seine Geschichte mehr als viertausend Jahre zurückverfolgen. Jahrtausendelang begleitete der heute als „Siberian Husky“ bekannte Hund die Nomadenvölker insbesondere des nördlichen Sibirien, deren einziges Fortbewegungsmittel der Hundeschlitten war, auf ihren Wanderungen und zur Jagd. Die eigentlich Zucht der Rasse soll nach Ansicht vieler Historiker vor etwa dreitausend Jahren begonnen haben, als der Volkstamm der Tschuktschen[1] planvoll in die natürliche Vermehrung ihrer Schlittenhunde eingriff: nur die arbeitsfähigsten Hunde durften sich fortpflanzen, was beispielsweise durch Kastration anderer Rüden praktisch umgesetzt wurde. Entscheidend war die Fähigkeit eines Hundes, unter härtesten Bedingungen überleben und arbeiten zu können. Nur gesunden und widerstandsfähigen Hunden mit einem hochoptimierten Stoffwechsel zur bestmöglichsten Ausnützung der knappen Nahrungsressourcen, geringer Schmerzempfindlichkeit, einem leistungsfähigen Herz-Kreislaufsystem und entsprechender Kopfhärte war es möglich die langen Strecken durch die Jagdreviere der Tschuktschen so schnell und ausdauernd mit vergleichsweise so wenig Futter zu bewältigen. Diese Eigenschaften – Schnelligkeit und Ausdauer und die Fähigkeit, lange Strecken mit geringem Energiebedarf zurücklegen zu können - stehen auch heute noch für viele Züchter im Vordergrund und tragen als Zuchtkriterium für einen nach wie vor vorzugsweise als „Arbeitshund“ eingesetzten Hundetypus entscheidend zur Rassegesundheit des Siberian Husky bei.  

Die Herkunft des Namens „Husky“ ist unklar. Immer wieder hört oder liest man, der Name sei von der etwas heiser und rau klingenden Stimme dieser Hunde abgeleitet worden. An anderen Stellen wird ein Zusammenhang des Namens mit den Menschen vermutet, die naturgemäß mit Schlittenhunden in Verbindung gebracht werden, nämlich mit den allgemein immer noch häufig so bezeichneten „Eskimos“ – sei es als Verstümmelung des Slangwortes „Esky“ oder einfach als „andere“ Bezeichnung für „Eskimo“, die dann auf die Hunde dieser Volksgruppe übertragen wurde. Irgendwann wurden jedenfalls einfach alle Hunde mit dichtem Fell, buschiger Rute und Stehohren, die einen Schlitten zogen, als „Husky“ bezeichnet.

 Schlittenhunde wurden nicht nur in Sibirien von den dortigen Nomadenvölkern als Arbeitshunde zum Transport von Jagdbeute oder dem gesamten Hab und Gut eingesetzt, sondern überall dort, wo aufgrund der Witterungsbedingungen Hundeschlitten das einzige Transportmittel waren. Auch für die Goldsucher Nordamerikas waren Schlittenhundegespanne von entscheidender Bedeutung. Hier begann Anfang des Jahrhunderts der Siegeszug der Siberian Huskies. Der russische Pelzhändler William Goosak brachte sie aus seiner Heimat mit und erntete in Alaska zunächst nichts als Spott für seine im Vergleich zu den dortigen Hunden kleinen, zierlichen Tiere. Allerdings verschlugt es den Spöttern die Sprache, als Goosak mit seinen „sibirischen Ratten“ 1909 auf Anhieb den dritten Platz bei dem bekannten historischen Rennen „All Alaskan Sweepstake“[2] erreichte. Im Folgejahr belegten Siberian-Husky-Gespanne den ersten, zweiten und vierten Platz. Der Import der Hunde aus Sibirien nahm zu, der Grundstein für die Legende des Siberian Husky war gelegt. Zu denen, die sich von den schnellen und ausdauernden Hunden begeistert zeigte, gehörte auch Leonhard Seppala. Er war mit seinen Siberian Huskies einer der erfolgreichsten Musher Alaskas und neben seinen Leistungen in Schlittenhunderennen vor allen Dingen bekannt wegen seiner Rolle beim Staffettentransport des Diphterie-Serum per Hundeschlitten von Nenana nach Nome, mit dem 1925 die Ausbreitung einer Epidemie verhindert werden konnte.[3]

Leonhard Seppala begann als erster mit der systematischen Zucht des Siberian Husky. Sein Ziel war ein einheitliches Aussehen der Rasse und etwas grössere Hunde als die, die aus Sibirien nach Alaska importiert worden waren. Seine erfolgreichsten Hunde verkaufte er in die USA und nach Kanada und bildete so den Grundstock der auch heute noch vorhandenen Siberian Huskies. Der American Kennel Club (AKC) erkannte die Rasse 1930 an und veröffentlichte den ersten Rassestandard 1932. Eine zweite, auch heute noch gültige Version wurde 1990 veröffentlicht. Der in Europa geltende eingangs zitierte FCI-Standard orientiert sich hieran.

In Deutschland wurde 1967 der erste Siberian Husky registriert: „Kamtschatka’s Burning Daylight“, ein Hund des bekannten Rassespezialisten und Richter Thomas Althaus, Schweiz. Weitere Importe aus den Niederlanden und Dänemark folgten. 1972 schliesslich gründete Anneliese Braun-Witschel unter dem Namen „Alka-Shan“ den ersten grossen und einen der erfolgreichsten deutschen Zuchtzwinger überhaupt, dessen Name nach wie vor für leistungsfähige Arbeitshunde steht. Die immer noch im Renn- und Zuchtgeschehen aktive „Grande Dame“ des deutschen Schlittenhundesport war massgeblich auch an der Entwicklung der Vereine beteiligt, die die Rasse des Siberian Husky innerhalb des VDH betreuen: zunächst geschah dies ausschliesslich durch den Deutschen Club Nordischer Hunde e. V.(DCNH), aus dem heraus schliesslich 1992 auf Initiative einer Gruppe erfolgreicher Züchter und Musher der ebenfalls dem VDH angeschlossene Siberian Husky Club Deutschland e. V. (SHC) gegründet wurde. Diesem Schritt folgte die heute deutlich erkennbare die Aufspaltung der Rasse in Arbeits- und Ausstellungshundetypen – die einen extrem langbeinig und sehr schlank, die anderen etwas kompakter und in der Regel auch mit dichterem Fell ausgestattet.

 Einen Siberian Husky erkennt man an dem für ihn typischen Körperbau, nicht hingegen – wie landläufig häufig mit dieser Rasse assoziiert – an blauen Augen und einer schwarz-weissen Maske. Über diese eher klischeehaften Vorstellung hinaus gibt es eine breite Varianz von Fell- und Augenfarben in verschiedenen Kombinationen. Man findet Siberian Huskies sowohl mit blauen als auch mit braunen Augen unterschiedlichster Schattierungen von Bernstein über Amber bis hin zu dunklem Braun. Nicht selten haben die Hunde verschiedenfarbige Augen, etwa ein blaues und das andere in einem der variablen Brauntöne, oder gar gemischtfarbige. Weist ein Auge in sich verschieden Farben auf, bezeichnet man dies als „bicolor“. Auch an Fellfarben ist alles erlaubt: es gibt schwarz-weisse Huskies ebenso wie grau-weisse und braun-weisse oder rot-weisse, wobei man hier noch zwischen hell- und dunkelrot (kupferfarben) unterscheidet, es gibt reinweisse oder bisquitfarbene und die „agouti“ genannte „Wildfarbe“, die den Husky einem Wolf noch ähnlicher sehen lässt als sonst. Es gibt Huskies mit Flecken, häufig schwarz auf hellem Fell, die sogenannten „Pintos“. Manche der Hunde haben – unabhängig von ihrer Fellfarbe - die als typisch mit der Rasse assoziierte Maske (dark/dirty face), andere nicht. Diese Vielfalt macht sicherlich einen Teil des besonderen Charmes der Rasse aus.

So bunt wie seine Farben ist auch der Charakter des Siberian Husky. Jeder einzelne diese Hunde hat seine speziellen Besonderheiten und Eigenheiten, die seinen ganz persönlichen Charme ausmachen und ihn kennzeichnen. Trotzdem gibt es natürlich rassespezifische Besonderheiten, über die man sich insbesondere vor der Anschaffung eines solchen Hundes klar sein muss. In wenigen Worten zusammengefasst bringt der Siberian Husky Club Deutschland e.V. (SHC) es auf den Punkt:

Der Siberian Husky ist ein Arbeitshund.

 Die historische Darstellung der Rasse ist nicht nur Geschichte, ebenso wenig wie die Legenden und Erzählungen um und über Balto, Togo und den Serum-Run von 1925. Hierin zeigt sich das Erbe, das auch der heutige Siberian Husky noch in sich trägt. Diesem Erbe muss der Besitzer eines solchen Hundes im Interesse des Tieres gerecht werden. Ein Siberian Husky braucht vor allen Dingen Beschäftigung und Bewegung, das Gefühl, eine Aufgabe zu haben. Idealerweise findet er diese Aufgabe naturgemäss als Schlittenhund, wobei dies an die aktuellen mitteleuropäischen Gegebenheiten anzupassen ist. Zugarbeit ist nicht nur in grossen Hundeteams vor Hundeschlitten möglich, sondern auch mit 1 – 2 Hunden am Fahrrad oder am Roller. Nicht jeder Siberian Husky ist allerdings mental bereit oder in der Lage, diese Arbeit auszuführen; unabhängig von der erforderlichen sauberen Ausbildung ziehen manche Hunde Joggen, ausgedehnte Spaziergänge oder das Laufen neben dem Fahrrad vor. Der ausgeprägte Bewegungsdrang ist aber bei jedem Siberian Husky vorhanden – unabhängig davon, ob man sich für den eher kompakten Typ oder den hochbeinigen Läufer entscheidet. Ein Mensch, der aufgrund seiner eigenen körperlichen Konstitution oder seiner persönlichen Neigungen nicht bereit ist, bei Wind und Wetter mit seinem Hund durch Wald und Flur zu fahren oder zu laufen, sollte sich nie und nimmer vom wunderschönen äusseren Erscheinungsbild zum Kauf eines Siberian Husky verleiten lassen.  

Nicht unerwähnt bleiben soll auch, dass „Wind und Wetter“ genau dieses meint. Der Siberian Husky gehört als nordischer Hund zu denen, die kühle Temperaturen und herbstliche Witterung dem Sommer vorziehen und bei Minusgraden und Schnee erst so richtig aufdrehen. An heissen Sommertagen muss dem Bewegungsdrang des Hundes während der kühlen Stunden des Tages Rechnung getragen werden – und das kann durchaus bedeuten, dass der Besitzer um 5 Uhr morgens aufsteht und sich mit seinem Hund sportlich betätigt. Ausgedehnte Spaziergänge während der Mittags- oder Nachmittagshitze sind tabu.

 Der Siberian Husky ist sehr selbständig, selbstbewusst und stolz, hat seinen eigenen Kopf (man kann hier auch von „Sturheit“ sprechen) und einen sehr ausgeprägtem Jagdtrieb. Gelegentlich bekommt man die frustrierte Meinung zu hören, einen Siberian Husky könne man nicht erziehen – was natürlich Blödsinn ist. Allerdings kann die Erziehung aufgrund des typischen nordischen Charakters dieser Hunde, ihrer Ursprünglichkeit und der nach wie vor bewahrten instinktsicheren Nähe zum Wolf sowie aufgrund ihrer Intelligenz recht schwierig sein. Ein Siberian Husky hinterfragt „seinen“ Menschen und dessen Befehle mit der Folge, dass viele „Erziehungstricks“ bei dieser Rasse an ihre Grenzen stossen. Warum zum Beispiel sollte ein Husky bei Fuss laufen, wenn 2 Meter neben dem Weg ein wundervoller, appetitlich aussehender und sicherlich mit viel Spass und Action zu jagender Hase verführerisch sein Stummelschwänzchen schwenkt? Als Gegenargument für soviel Spass, Spannung und Schmackhaftigkeit vermag ein schlichtes Leckerchen in der Hand des Besitzers sicherlich nicht zu überzeugen – übrigens ein anschauliches Beispiel auch dafür, dass ein Siberian Husky tunlichst nicht ohne Leine laufen sollte. Und da die Kirschen in Nachbars Garten bekanntlich immer viel besser sind, sollten Umzäunungen im eigenen Garten hoch genug sein, um dem neugierigen Siberian Husky ein Ausbrechen unmöglich zu machen.

 Absolut entscheidend für die Erziehung ist neben Geduld und Gelassenheit eine lückenlose Konsequenz im Verhalten dem Hund gegenüber, die sofort mit Anschaffung zu beginnen hat. Gleichzeitig muss der Mensch sich – was selbstverständlich sein sollte, es aber oft genug leider nicht ist – von Anfang an intensiv mit seinem Hund beschäftigen, ihm beibringen, was notwendig ist und gleichzeitig von dem Hund lernen, auf welcher Basis dieser mit ihm zusammenarbeiten will. Das, was ein Siberian Husky tut, tut er entweder freiwillig oder gar nicht.  

Das charakteristische Wesen des Siberian Husky ist  freundlich  und aggressionslos gegenüber Menschen, jedoch auch teilweise reserviert gegenüber fremden Personen. Er verfügt weder über die besitzbetonenden Eigenschaften eines Wachhundes noch die beschützenden Eigenschaften eines Schutzhundes. Am liebsten hat der Siberian Husky weitere Artgenossen um sich, da er als Rudeltier nach einem sehr ursprünglichen sozialen Schema agiert. Dies sollte auch bei der Erziehung des Hundes berücksichtigt werden. Wird er einzeln gehalten, muss er unbedingt Anschluss an seine Menschenfamilie haben und auf jeden Fall ausreichend Beschäftigung und Bewegung. Derjenige, der als hauptberuflich Erwerbstätiger seinen Hund nach dem morgendlichen Joggen 8 Stunden allein in Wohnung oder Garten lässt, darf sich weder über zerlegtes Mobiliar noch über Garten im umgestalteten Bombenkrater-Design und erst recht nicht über die Beschwerden von Nachbarn über Lärmbelästigung durch Heulen wundern – ganz zu schweigen davon, dass er niemals in der Lage sein wird, eine wirklich funktionierende Beziehung zu seinem Siberian Husky aufzubauen.

 Der Siberian Husky ist ein sehr anspruchsvoller Hund. In seinem Interesse sollte er nur von jemandem angeschafft werden, der bereit ist, diesen Ansprüchen zu genügen. Einem solchen Mensch wird ein Siberian Husky ein aufmerksamer, williger Begleiter und - entsprechend seinem Charakter – ein freudiger Arbeitshund sein.

 


[1] Die Tschuktschen waren ursprünglich nomadisierende Rentierzüchter, Fischer und Pelzjäger, wurden jedoch im Zuge russischer Expansionen zur Gewinnung der Bodenschätze in Tundra und Taiga zunehmend sesshaft gemacht.  Wie andere kleine Völker Sibiriens leisteten die Tschuktschen den seit dem 17. Jahrhundert andauernden Unterwerfungsversuchen erst durch das zaristische Russland, dann durch die Sowjetunion Widerstand und bewahrten sich viel von ihrer ursprünglichen Kultur, was nicht zuletzt ihren Hunden zugute kam. Die Isolation des nomadischen Volksstamms sicherte die „Reinheit“ ihrer Hunderasse bis ins 19. Jahrhundert hinein.

[2] Unter den Goldsuchern Alaskas hatten sich bald erste Wettberwebe um das schnellste Schlittenhundegespann entwickelt. Der gerade neu gegründete Nome Kennel Club organisierte 1908 mit dem „All Alaskan Sweepstakes“ das erste professionelle Schlittenhunderennen über 408 Meilen (non-stop von Nome nach Candle und zurück), bei dem der Gesamteinsatz an den Gewinner ausgezahlt wurde. Das Rennen fand von Anfang an grosses Interesse unter den Mushern und wurde über 30 Jahre hinweg bis zum zweiten Weltkrieg jährlich ausgetragen.

[3] Mit diesen Geschehnissen wird vor allen Dingen der herausragende Leithund der letzten Etappe unter Gunner Kaasen „Balto“ in Verbindung gebracht, an dessen Leistungen nicht nur eine Statue im Central Park, New York, sondern darüber hinaus eine Vielzahl von Büchern und Filmen erinnert. Seppalas Leader „Togo“ ist präpariert im Iditarod Headquater in Wasilla ausgestellt.

An den sogenannten „Serum-Run“ von 1925 erinnert immer noch das jährlich stattfindende bekannte Iditarod.