Der besondere Hund Rick

Silvia Roppelt, 2004

Nachdem ich seit zwei Jahren diversen Mushern auf die Nerven gehe: "schreibt mir mal was über euren besonderen Hund" und die Ausbeute trotzdem recht mau aussieht, dachte ich, gehe ich mal mit gutem Beispiel voran und erzähle von einem unserer - für uns - besonderen Hunde.

Rick kam am 06.03.1999 zusammen mit seinem Halbbruder Quip zu uns, weil sein Züchter und Musher Arthur Sperber mit dem Schlittenhundesport aufhörte. Er war damals fünf Jahre alt und hat uns erst mal gezeigt, was ein Leithund eigentlich kann, denn er war der erste Husky, der auf Befehl entsprechend richtig abbog, zumindest nach einiger Zeit. Als Stefan ihn die ersten Male einspannte, bog er bei dem Befehl "Gee" immer richtig ab, bei "Haw" jedoch nicht. Wir haben lange gerätselt und Arthur angerufen. Dann sind wir draufgekommen, dass Rick ja eigentlich aus Hessen ist und Arthur das Wort "Haw" irgendwie anders ausgesprochen hat. Nach diversen Sprachübungen näherten wir uns aber der Perfektion in dieser Hinsicht und in der nächsten Saison verstand Rick auch das fränkische "Haw". Da Rick vorher ein offenes Team angeführt hatte, langweilte ihn das damalige Sechsergespann offensichtlich. Zumindest meinte man einen entsprechenden Gesichtsausdruck erkennen zu können. An jeder Kurve oder Kreuzung holte er mit einem riesigen Bogen aus, dass man meinte er würde einen 14-Meter-Zug hinter sich herziehen.

Durch diesen Hund haben wir auch Rick Göpfert kennen gelernt. Er stand im Herbst 1999 beim Wagenrennen in Lauf neben uns und unterhielt sich zwischen seinem und unserem Wohnwagen mit einem Bekannten. Da unser Rick (der Hund) die Angewohnheit hat bei Rennen jedem vorbeilaufenden oder am Stake-Out-hängenden Hund den er sieht anzukläffen - und das auch relativ nervig ist - hat Stefan die Wohnwagentür aufgemacht und gerufen: "Rick, halt jetzt das Maul sonst gibt's Ärger". Als er die Wohnwagentür wieder zugeknallt hatte und durch das Fenster den überraschten Gesichtsausdruck von Rick Göpfert sah, lief er knallrot an und meinte "du… ich glaube der heißt auch Rick…". Es gab übrigens keinen Ärger…

Im Oktober 2000 holten wir dann Rick's große Liebe zu uns. Es war ein kleiner Welpe aus dem Icebell's-Kennel und hieß bzw. heißt Icebell's Oxigen (Henry). Als ich den 11 Wochen alten Zwerg zu Rick in den Zwinger brachte (Karola Sperber hatte mir vorher versichert, dass Rick schon einige Welpen aufgezogen hat) sabberte Rick ganz aufgeregt und hat Henry mit der Nase in die Hundehütte geschoben. Dort hat er ihn dann bewacht. Kein anderer Hund durfte Henry zu nahe kommen. Diese große Liebe funktionierte fast zwei Jahre, bis Henry meinte, er wäre Zeit in der Rudelhierarchie aufzusteigen. Rick ist seitdem stinksauer und guckt Henry nicht mehr an. Auch wenn Henry des Öfteren auch heute noch zu Rick hingeht, freundlich wedelt und ihm die Schnauze ablecken will, knurrt Rick unwillig und geht weg. Scheinbar ist er sehr nachtragend. Wir dachten damals, dass Rick alle Welpen liebt und sich wieder mal über einen freuen würde. Deshalb haben wir ihm 2001 die damals kleine Lukka (Shaktoolik's G'Frottier) in den Zwinger gesteckt, aber Fehlanzeige - diese "Vater"-Freude hatte er nie mehr gezeigt. Er erzog zwar auch alle anderen Welpen und spielte mit ihnen, aber es war nie mehr dasselbe wie mit dem ehemals kleinen süßen Henry.

Rick zu besitzen bedeutet, dass man Nerven wie Drahtseile haben muss! Bei jeder Läufigkeit kläfft und jammert er tage- und nächtelang, solange bis er endlich heiser ist und nur noch ein Krächzen kommt. Wahrscheinlich jammert er dann immer noch vor sich hin, aber man hört es nicht mehr. Als wir noch Nachbarn hatten, verbrachte er die Abende und Nächte während dieser Zeit mit uns im Haus. Dort war er übrigens sehr gerne, wahrscheinlich war dies auch der Grund warum er Lärm machte. Er dachte wohl immer, es geht wieder in die warme Wohnstube. Inzwischen ist es egal wie laut er plärrt, wir haben keine Nachbarn mehr und unser Haus ist schallisoliert. Problematisch für die Nerven sind nur die Zeiten, in denen man im Freilauf ist oder wässert bzw. füttert. Nervig ist auch, dass er in der Zeit der Läufigkeit nur vor dem entsprechenden Zwinger hin und herstolziert. Wehe es läuft ihm dabei ein anderer Hund über den Weg … da wird er richtig sauer.

Apropos…auch in punkto Zusammenleben mit anderen Hunden ist er sehr schwierig. Er ist dominant und launisch. Wenn er sauer ist, dann maßregelt er was ihm in die Quere kommt. Nicht so, dass der andere Hund verletzt wird, aber zumindest so, dass die Hündinnen alle einen Heidenrespekt vor ihm haben und entsprechend einen großen Bogen um ihn machen, wenn absehbar ist, dass er grantig ist. Mit Rüden können wir ihn überhaupt nicht in einen Zwinger stecken. Im Freilauf kann er jedoch mit allen Hunden laufen, weil da ja immer noch wir dabei sind. Vor Menschen hat er Respekt und ist auch sehr gehorsam. Man braucht ihn nur einmal anmotzen, schon ist er brav (außer bei der Kläfferei… da nützt gar nichts). Zu uns ist er auch sehr freundlich, anhänglich und charmant. Er gibt Pfötchen und kann richtig gut schleimen, wenn er etwas haben will. Und er gibt Antwort ("juhu") wenn man ihn anspricht.

nach oben - weiterlesen

Als Leader ist Rick unschlagbar. Er hat (seit es keine Ver- ständigungsschwierigkeiten beim Haw mehr gibt) bisher jeden Befehl korrekt umgesetzt, er wendet das Team in die angegebene Richtung, er geht an jedem Störfaktor kompro- misslos vorbei und bringt das ganze Team zum Stehen, wenn der Musher vom Schlitten fliegt und verzweifelt schreit "Rick bleib doch stehen!!!!!!". Er hält auch immer Blickkontakt zum Musher, steht ruhig am Start und guckt solange nach hinten, bis endlich das "Go" kommt. Nach hinten schaut er übrigens auch, wenn es einen steilen Berg hinaufgeht und Musher noch nicht abgestiegen ist und mithilft. Oder wenn es auf eine Kreuzung zu geht und der Befehl kommt recht spät, dann macht er langsamer, wartet, guckt und gibt wieder Gas sobald die Richtung angegeben wird.

Beim letzten Herbsttraining war es noch gar nicht so sicher, ob er bei Rennen noch mal zum Einsatz kommt, er zeigte nämlich schwankende Leistungen. Allerdings konnte man sich immer darauf verlassen, dass er gut lief und arbeitete, wenn er beim Einspannen hüpfte und "juhu" rief. Stand er jedoch stocksteif beim "Line-out" und guckte deprimiert in der Gegend rum, war das ein sicheres Zeichen, dass man ihn besser nicht einspannen sollte - oder zumindest nicht ins Lead. Diese depressive Phase hatte sich bis Januar zum Glück wieder gelegt.

In der vergangenen Saison 2003/2004 lief er im Training und bei Rennen insgesamt 2000 Kilometer im Lead. Als 9jähriger durfte er noch mal die Trans Thüringia laufen - es war zwar nur die Light-Version über 180 Kilometer und in einem kleinen 5-7 Hunde-Team, aber ich bin sicher, er hatte seine Freude daran. Jeden Tag während der Trans Thüriniga haben wir ihn früh genau beobachtet, um seine Laune festzustellen; er bekam nur seine Lieblingssuppen vorge- setzt (mit Aldi-Dosenfutter "Koppa" oder Thunfisch) und mit extra viel Streicheleinheiten und gutem Zureden haben wir ihn bei Laune gehalten. Diese Sonderbehandlung zeigte Erfolg: zumindest hat er das Team auf dem 2. Platz mit der drittschnellsten Gesamtzeit von ungefähr 50 Startern geführt. Mit dieser Platzierung und dem Bayerischen Vizemeister in Mitteldistanz hat er sich vom aktiven Rennsport verab- schiedet. In Zukunft wird er mit mir und meinen anderen Oldies (Charly (8), Polaris (9) und Quip (8) nur noch Touren durch den Oberpfälzer Wald drehen. Stefan ist natürlich traurig darüber - und ich habe schon gescherzt, dass ich in der nächsten Saison den Rick bei jedem Rennen irgendwo verstecken muss, so dass er ihn nicht einspannen kann.

Alles in allem ist Rick ein wertvoller Bestandteil unseres Lebens, ein Hund den wir - trotz allem - sicher nicht missen möchten, und mit dem wir viel Spaß und Freude haben. Zum Glück hat er einige der guten Leaderqualitäten seinen Co-Leadern Lukka und Frostie beigebracht. Denn die müssen ihn ja schließlich in Zukunft vertreten. Wir hoffen, dass wir unsere Zuchtplanung mit ihm nächstes Jahr verwirklichen können.

Und eines werden wir ihm nie vergessen: er hat sein Team und seinen Musher (egal wer der Musher war) immer bedingungslos gehorcht und sicher ins Ziel und nach Hause gebracht.







Nachtrag März 2006

Rick hat sich nicht so schnell wie geplant vom aktiven Renn- sport verabschiedet :-)

In der Saison 2004/2005 führte er im Alter von über 10 Jahren das Offene Team u. a. zum Bayerischen Meister Distanz und zum 3. Platz der Europameisterschaft.

Im Juni 2005 kamen seine Welpen zur Welt.

In der Saison 2005/2006 lief Rick noch eine Etappe beim Alpirace-Sprintrennen.

Damit hat er sich aber sicher vom aktiven Rennsport verabschiedet, denn obwohl er immer noch sehr gut aus- sieht und man ihm sein wahres Alter nicht ansieht, ist er nicht mehr der Jüngste und ist mit der Geschwindigkeit , welche die Jungen vorlegen, nicht mehr so sehr glücklich ;-)

Mental ist er jedoch nach wie vor in der Lage 10 oder 12 Hunde souverän anzuführen. Aber das war ja sowieso immer sein Wunsch: je größer das Team desto motivierter unser Rick....

Rick trainiert noch seinen und unseren Nachwuchs an und wir machen gemütliche Trainingstouren durch die Heimat.

Rick war und bleibt ein besonderer Hund, für uns DER besondere Leithund überhaupt. Es heißt ja, man hätte so einen nur einmal im Leben. Wir hoffen jedoch, dass er seine Leader-Gene an seinen Nachwuchs weitergegeben hat.