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Ein ganzes Schlittenhundeleben lang….
Silvia Roppelt
veröffentlicht im Schlittenhund 2005
und Hunderevue 01/2006
Mein Name ist Sperber's Torne Mark's N'Akimo, aber alle nennen mich nur Rick.
Ich bin ein Schlittenhund, ein echter Siberian Husky; ich liebe es, zu laufen.
Es ist das, was ich mein Leben lang getan habe. Das, was mir mehr Spaß macht als
alles andere. Es macht nichts, dass ich jetzt langsam älter werde und vielleicht
nicht mehr ganz so schnell bin wie früher. Ich bin immer noch ein Schlittenhund,
und ich will und werde weiter laufen und dieses herrliche Gefühl genießen, das
tun zu können, was mich mein ganzes Schlittenhundeleben lang glücklich gemacht
hat.
Geboren wurde ich in Florstadt in Hessen bei meinem Züchter Arthur, der mir nicht
nur beibrachte, wie ein richtiger Schlittenhund zu arbeiten, sondern der mich
auch zum Leithund ausbildete. Der Leithund, der so genannte Leader, ist so ziemlich
die verantwortungsvollste Position, die ein Schlittenhund in einem Schlittenhundegespann
haben kann. Der oder die Leithunde sind die Hunde, die als erste im Gespann laufen
und es so "leiten". Wir kommen in der Kommandokette direkt hinter dem Schlittenhundeführer,
dem Musher. Das, was er sagt, setzen wir um; wir denken mit, wir denken voraus.
Wir sind diejenigen, die dafür sorgen, dass das Gespann und die anderen Hunde
hinter uns das tun, was richtig ist. Nicht jeder Schlittenhund ist für diesen
Job geeignet. Man braucht schon einiges an Nerven, Gelehrigkeit und Willensstärke,
und man muss natürlich genau wissen, was der Musher mit welchem Kommando sagen
will. Und all das, was ein Leithund so können und wissen muss, hat Arthur mir
beigebracht.
Leider musste Arthur mit dem Schlittenhundesport aufhören, als ich fünf Jahre
alt war. Zusammen mit meinem Bruder Quip zog ich deshalb von Hessen nach Franken
um und begann damit, meinem neuen Chef Stefan und dem Rest des dortigen Rudels
zu zeigen, was ein echter Schlittenhund und ein Leader ist. Stefan musste zuerst
mal lernen, dass ein Musher klar und deutlich zu sprechen hat. Mal ehrlich, aus
diesem fränkischen Genuschel wird ja kein Hund schlau! Woher soll ich wissen,
ob ich jetzt rechts oder links abbiegen soll, wenn alle Kommandos gleich klingen?
Nach einigen Kreisfahrten immer rechts herum hat Stefan dann schließlich Sprachunterricht
beim Arthur genommen und so lange das deutliche Aussprechen von Befehlen geübt,
bis wirklich jeder halbwegs ausgebildete Leithund ihn verstehen konnte. Ich war
wirklich stolz auf meinen Musher! Ehrlich gesagt - aber bitte nicht weitersagen,
damit er sich nichts darauf einbildet - bin ich es immer noch. Er hat wirklich
eine Menge gelernt, seit wir einander kennen gelernt haben. Und wir waren immer
ein tolles Team.
Wo wir gerade beim Thema "Team" sind: das war natürlich auch etwas, an dem wir
arbeiten mussten. Stefan konnte nicht ernsthaft erwarten, dass ich mit seinem
6-Hunde-Team zufrieden war. Ich meine, ich bin ein Leithund! Ich habe gelernt,
10 Hunde und mehr zu führen - was sollte ich da in einem 6er Team? Ein Chef de
Novelle Cuisine ist ja auch nicht zufrieden damit, plötzlich platte Hackfleischdinge
vom Grill auf irgendwelche Brötchen zu pappen, nicht wahr? Ich war völlig unterfordert
und beschloss, sofort etwas gegen diesen Zustand zu unternehmen. Also holte ich
demonstrativ in den Kurven so weit aus als hätte ich einen 12achsigen Lastzug
hinter mir. Das lernt man als Leader. Je größer das Team, desto weiter muss die
Kurve genommen werden, sonst gibt es hinten Kuddelmuddel und der Musher schafft
mit Wagen oder Schlitten die Kurve gar nicht mehr. Bei kleineren Teams kann man
die Kurven eng nehmen oder sie gar - wenn es sehr sehr kleine Teams sind - schneiden.
Große Teams brauchen also weite Kurven und weite Kurven brauchen große Teams.
Und wie schon beim dem Sprachproblem erwies sich mein Musher auch jetzt als recht
clever und verstand meine kurvige Botschaft. Es kam Verstärkung, und ich war außer
mir vor Freude, als wir zum ersten Mal mit einem 10er Team durch den Wald fuhren.
Zu der Verstärkung gehörte auch Henry. Als ich ihn kennen lernte, war er nur ein
kleines, schwarz-braunes Fellknäuel auf Silvias Arm und trug den Namen "Icebell's
Oxigen". Welch seltsame Gedankengänge den schnauzbärtigen Züchter auch zu dieser
Namensgebung bewogen haben mochten, litt der kleine Hund doch nicht lange darunter.
Für uns wurde er sofort Henry, und ich adoptierte ihn. Kaum hatte Silvia den Kleinen
vor mir auf den Boden gesetzt, schob ich ihn sofort sicher in meine Hütte, setzte
mich davor und brummelte zu Polaris: "Meiner! Rühr ihn ja nicht an!" Weiber! Wer
weiß, was sie mit ihm angestellt hätte! Der Kleine war echt der Brüller, machte
mir alles nach und konnte als Erwachsener sogar neben mir in Lead laufen.
Aber wie das bei den Jungspunden nun mal so ist, bekam Henry irgendwann einen
Anfall von Größenwahn und ich musste ihn nachdrücklich daran erinnern, dass ich
der Chef bin. Alles muss er mir wirklich nicht nachmachen! Unser Verhältnis ist
jetzt etwas distanziert, und ich überlasse seitdem die neuen Welpen lieber meinem
Bruder Quip. Ab und an mit ihnen spielen macht ja Spaß, aber so was wie mit Henry
passiert auf keinen Fall ein zweites Mal!
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Ich war neun Jahre alt, als Stefan schließlich auf die Idee
mit den Langstreckenrennen kam und unser Training auf die Trans-Thüringia ausrichtete.
Bei diesem großen deutschen Schneerennen wird eine Strecke von insgesamt rund
400 km in 9 Tagesetappen gefahren - eine echte Heraus- forderung für uns Schlittenhunde,
der ich während des gesamten Trainingszeitraums seit September entgegen- fieberte.
Und dann hätte es beinahe nicht geklappt! Nicht zu fassen, aber nachdem ich 1.600
Trainingskilometer wie eine Eins gelaufen war, wollte dieser Mensch mich doch
tat- sächlich aus dem Team nehmen! Er machte sich Sorgen und dachte, ich wäre
zu alt für diese Strapazen. Ich bin gerade noch so als Notlösung zurück ins Team
geschliddert, weil Cyla sich verletzt hat. Aber ich hab's ihm gezeigt und wir
sind mit unserem 7-Hunde-Team direkt Zweiter geworden. Ha! Von wegen zu alt! Den
zweiten Platz bei der Bayerischen Meisterschaft Distance haben wir direkt danach
auch noch drangehängt.
Im Jahr darauf machte sich mein Musher natürlich wieder Sorgen wegen meines Alters
und überlegte, ob es nicht gesünder für mich wäre, in Rente zu gehen. Aber ich
wollte laufen! Er meinte, ich sollte wenigstens etwas langsamer tun und kürzere
Strecken laufen, zusammen mit Silvia und ihrem Veteranen-Team. Schließlich hat
mich ein Tierarzt komplett durchgecheckt und vor allem geröntgt. Und als danach
amtlich bestätigt feststand, dass ich gesundheitlich immer noch absolut top fit
war, durfte ich schließlich weiter- hin mit Stefans Team trainieren.
Und dann war es endlich so weit. Es lag Schnee, und zum allerersten Mal spannte
Stefan 12 Hunde vor den Schlitten. Endlich! Ich bin fast durchgedreht vor Freude!
Ein 12er-Team - darauf hatte ich mein ganzes Schlittenhundeleben lang gewartet!
Wir sind die ganze Saison gelaufen wie die Teufel, es gibt sogar Postkarten im
Internet mit uns 12 in vollem Lauf, mitten in einer traumhaften weißen Schneelandschaft.
In dieser Saison wurden wir zusammen Bayerischer Meister in Distanz. Und bei der
Europameisterschaft Distanz in Polen sind wir dritte geworden. Bei der Siegerehrung
nahm Stefan mich dort mit auf das Podest, hielt mich auf dem Arm und um meinen
Hals baumelte die Bronzemedaille. Ich war wahnsinning stolz auf uns alle! Es war
ein unbeschreiblicher Moment. Ich wusste, ich hatte es geschafft - und ich wusste,
dass ich jetzt in Rente gehen konnte. Ich hatte allen gezeigt, was ein echter
Schlittenhund leisten kann, auch noch im Alter von 10 Jahren. Und Stefan wusste
es auch. Wir standen beide mit einem lachenden und einem weinenden Auge dort oben
auf unserem Treppchen.
Aber das ist nicht das Ende meiner Geschichte. Im folgenden Frühjahr kamen meine
und Frosties Welpen auf die Welt. Sie wurden unter Silvias wachsamen Blicken im
Haus geboren, und als ich plötzlich ihren spitzen Freudenschrei hörte, wusste
ich, das alles gut gegangen war. Als ich meine sechs Kleinen das erste Mal sehen
durfte, war ich wirklich stolz. Heimlich musste ich auch lachen. Kaum zu glauben,
aber da tapst jetzt eine absolute Miniaturkopie von mir durch unsere Zwinger!
Ob er wohl meine Vorliebe für Thunfisch und Lachs geerbt hat? Auch etwas, was
zu meinem Musher-Erziehungsprogramm gehörte: Ich bekam vor jedem Rennen meine
Suppe mit Fisch.
Während ich hier so in Erinnerungen schwelge, lasse meinen Blick von unserem Grundstück
über die Wiesen schweifen. Jetzt im Sommer stehen sie voller Gänse- blümchen.
Und direkt daneben ist der Wald und unsere Trainingsstrecke führt mitten da durch.
Ja, bald ist es wieder so weit. Bald werden die Temperaturen wieder sinken, und
die Zeit für uns Schlittenhunde beginnt. Natürlich werde ich dann nicht mehr in
Stefans O-Team laufen. Auch für den besten Leader kommt irgendwann die Zeit, wo
hund dem Nachwuchs eine Chance geben sollte. Und ich bin sicher, sie werden ihre
Sache gut machen: Beauty-Jean, Lukka, Frostie und Madonna - meine Mädels, denen
ich beigebracht habe, was ein Leithund können muss. Sie und all die anderen werden
großartige Leistungen auf schnellen Pfoten bringen, während ich Silvias Veteranen-Team
gemütlich durch den heimischen Wald führe und die Zeit genieße.
Und dann fällt mein Blick auf meine Kleinen, und ich muss grinsen. Noch sind sie
tapsig und verspielt, aber bald wird der Tag kommen, an denen auch sie beweisen
werden, was ein echter Schlittenhund ist.
Ich zwinkere meinem Musher zu.
Ich weiß, dass er sich genauso auf diesen Tag freut wie ich.
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